Die Altrheingemeinde Gimbsheim in ihrer geschichtlichen Entwicklung und heutigen Situation

Gunter Mahlerwein/Jakob Scheller

Als der zuständige Südwestfunk-Redakteur gefragt wurde, warum denn gerade Gimbsheim als Drehort der in den neunziger Jahren produzierten Familienserie „Himmelsheim“ ausgewählt worden sei, antwortete er, „weil man in Gimbsheim die Wunden der Industrialisation besser erkennen kann als in den Winzerdörfchen des rheinhessischen Hügellandes.“ Was auch immer er mit dieser Bemerkung meinte, im Film zu sehen waren fast ausschließlich die pittoresken Ecken der Altrheingemeinde: die evangelische Kirche, das Rathaus, das evangelische Gemeindehaus, allesamt schön renovierte Bauten aus vergangenen Jahrhunderten, aus der Zeit vor der Industrialisierung. Offensichtlich waren dem Fernsehmann aber im Vergleich mit anderen rheinhessischen Dörfern, die man sich für das Filmprojekt angeschaut hatte, Eigenheiten in der Bebauungsstruktur aufgefallen, die er mit der Situation in den „Berggemeinden“ nicht in Einklang bringen konnte: eine dichte Bebauung, etliche kleine Straßen mit vergleichsweise kleinen Hausparzellen, nicht sehr viele große Bauern- oder Winzergehöfte, Renovierungen und Hausaufstockungen der fünfziger und sechziger Jahre lassen zunächst den Eindruck entstehen, als sei Gimbsheim nicht ein in erster Linie durch Landwirtschaft geprägtes Dorf.
Diese Situation ist aus der Geschichte und vor allem der geographischen Lage Gimbsheims zu erklären. Wie alle rheinhessischen Dörfer ist Gimbsheim eine fränkische Gründung aus der Zeit um 500. Nach den Siegen des fränkischen Königs Chlodwig über die Alemannen ließ sich der Franke Gimmund und seine Sippe auf dem ihm zugewiesenen Land nieder. Spuren menschlicher Besiedlung gibt es schon aus der Jungsteinzeit und den folgenden Jahrtausenden, so dass Gimmund und seine Leute wohl eher eine alte Siedlungsstätte wieder in Besitz nahmen als eine neue begründeten. Zu dieser Zeit verlief der Rhein in einem sich nach Westen hin erstreckendem Bogen, dem heutigen Altrhein, so dass Gimbsheim ebenso wie Eich auf der anderen Seite des Bogens direkt am Rhein lag. Dabei nutzten die Siedler die etwas höher gelegene, hochwasserfrei in die Rheinaue hineinragende Zone, die sogenannte Spornlage, zur Bebauung, was man heute noch an den alten Ortskernen der Altrheindörfer sehen kann. Auf dem Rand des Sporns, zum Ufer des Rheins hin dürften die ersten Häuser und Wirtschaftsgebäude errichtet worden sein. Den frühmittelalterlichen Ursprung am ehemaligen Ufer kann man noch heute im Ortsbild erkennen: die beiden ältesten Straßen Gimbsheims, die Rathaus- und die Kirchstraße schlängeln sich am alten Ufer entlang, der Höhenunterschied zwischen den Straßen und den angrenzenden Gärten verweist auf den früheren Rheinlauf und die Häuser in diesen Straßen sind, wenngleich nicht mehr mittelalterlichen Ursprungs, doch die mit Abstand ältesten im Ort. Die vor einigen Jahren bei Gimbsheim gefundene Schiffsmühle aus dem 8. Jahrhundert belegt den hohen landwirtschaftlichen Stand dieser Zeit, da sie eine für ihre Zeit ausgesprochen aufwendige Konstruktion aufweist. Möglicherweise hatte sie sich am Scheitelpunkt des Rheinbogens befunden und stand mit den nahe gelegenen Königsgütern in Alsheim im Zusammenhang.
Die Besiedlung direkt am Fluß legt natürlich nahe, dass außer Landwirtschaft auch intensive Fischerei im mittelalterlichen Gimbsheim betrieben wurde. Mit der nachfolgenden Abschnürung und der Verlandung des Rheinbogens verlief der Rheinstrom dann am östlichen Ende der Gimbsheimer Gemarkung. Die Entwicklung des Dorfes nahm aber weiterhin ihren Ausgang von der ehemaligen Uferstraße. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte wurde nördlich der ersten, ursprünglich am Rhein gelegenen Gehöftreihe eine zweite Bebauungslinie angelegt. In den folgenden Jahrhunderten wurde diese Entwicklung fortgesetzt. Parallel zur Uferstraße entstanden weitere Straßenzüge, die, durch Querstraßen verbunden, dem Gimbsheimer Ortsplan den Charakter eines „Gitterdorfes“ geben. An der Größe der Parzellen und der darauf stehenden Häuser in den jeweiligen Straßen können die wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehungszeit abgelesen werden. War die erste Parallelstraße (die heutige Friedrich-Ebert-Straße und die Wilhelm-Leuschner-Straße) eine Entwicklung des 17./18. Jahrhunderts, die Platz bot für eine großzügige Straßenführung und mittlere bis große Gehöftparzellen, so sind die darauf folgenden Straßenzüge im Oberdorf Ergebnisse der bevölkerungsreichen Zeit des 19. Jahrhunderts: kleine Parzellen mit ehemaligen Tagelöhner-, Handwerker- oder Kleinbauernhäusern.
Auch an den verwendeten Baumaterialien kann die Entstehung des Dorfes in seiner heutigen Erscheinung nachvollzogen werden. Bis in das frühe 19. Jahrhundert war der Fachwerkbau die vorherrschende Bauweise. Gefüllt waren die Fächer mit ungebrannten Lehmsteinen, wie sie aus dem Material der Gemarkung leicht hergestellt werden konnten. Waren durch das Mittelalter und die ersten Jahrhunderte der Neuzeit die Dächer noch mit Schilf und Stroh gedeckt, so wurden diese Materialien im 17. und 18. Jahrhundert wegen der Feuergefahr durch gebrannte Ziegel ersetzt. Fachwerkhäuser sind, zum Teil unter Verputz versteckt, in den beiden ältesten Straßenzügen (Kirch-, Rathaus-, Friedrich-Ebert-, Wilhelm-Leuschnerstraße) zu finden. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde vorzugsweise mit Bruchsteinen gebaut. Zwei Bauernhöfe, Schulgebäude, Pfarrhäuser, etliche Scheunen und Gartenmauern sind aus dieser Zeit erhalten. Dieses Material wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Backsteine verdrängt. Die Backsteinproduktion hatte nach 1850 industriemäßigen Charakter angenommen. Auf verschiedenen Plätzen in der Nähe des Ortes und am Rhein wurde Lehm abgegraben, zu Steinen geformt, die zu riesigen Feldöfen aufgeschichtet und gebrannt wurden. Gimbsheimer Backsteinfabrikanten, meist wohlhabende Bauern, beschäftigten Hunderte von Arbeitern, deren Produkte über Rheinschiffe in ganz Deutschland vermarktet wurden. Die Straßen des späten 19. Jahrhunderts, aber auch die Stellen im alten Gimbsheim, an denen man Vorgängerbauten in dieser Zeit durch Neubauten ersetzte, sind geprägt von der Backsteinbauweise. Neben den kleinen Tagelöhnerhäusern gibt es etliche große Bauernhäuser, deren in spätklassizistischer Manier gegliederte Fassade mit ihren Sandsteingesimsen und -fenstergewändern an den städtischen Wohnungsbau der Zeit erinnern. Aus Gründen der Haltbarkeit und der Isolierung wurden viele dieser Häuser in den letzten Jahrzehnten verputzt, so dass sich das Bild Gimbsheims, vergleicht man es mit alten Fotos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, grundlegend gewandelt hat.
Die nahe Lage am Rhein bestimmte die wirtschaftlichen Chancen der Dorfbewohner. Bis in das 19. Jahrhundert konnte Ackerbau nur auf dem etwas höher gelegenen Teil der Gemarkung betrieben werden. Erst der Durchstich des Rheines, der Gimbsheim von einem Teil seiner Felder auf der heutigen Insel Kühkopf abtrennte, ließ durch die dann höhere Fließgeschwindigkeit des Flusses den Wasserstand in den tiefer gelegenen Gemarkungsteilen absinken. Weitere Entwässerungsmaßnahmen ermöglichten dann dort, wo vorher nur Weide war, Getreide- und Kartoffelanbau. Der Altrhein konnte wirtschaftlich zum Fischfang und zum Rohrschnitt genutzt werden. Das zwischen Gimbsheim und Guntersblum liegende Sandgebiet, Teil der Eich-Gimbsheimer Düne, wurde bis in das 19. Jahrhundert wohl eher als schlechte Weide genutzt. Im 20. Jahrhundert wurde dort intensiv Obst- und Spargelbau betrieben. Wein bauten die Gimbsheimer Bauern in den vergangenen Jahrhunderten vor allem in Nachbargemarkungen an. So waren schon im 18. Jahrhundert viele Gimbsheimer im Besitz von Weinbergen in Hangen-Wahlheim
Die in früheren Jahrhunderten oft nachteilige landschaftliche Situation, die gleichwohl vielen Bewohnern ein Auskommen ermöglichte, das sich aus Ackerbau, Viehhaltung, Weinbau, Fischerei, Sonderkulturen, Rohrschnitt usw. zusammensetzte, stellt heute ein Kapital für die Gemeinde dar. Die abwechslungsreiche Landschaft mit Auwaldresten am Rhein, mit Altrheinarmen, mit dem Sandgebiet, das wieder vermehrt für Streuobstanlagen genutzt wird, ist zur Naherholung für Einheimische und Touristen hoch attraktiv. Bedenkt man dazu noch die Nähe zu den Alsheimer und Hangen-Wahlheimer Hohlwegen und zur Rheininsel Kühkopf, dann wird die Anziehungskraft dieser Region auf Naturinteressierte und Erholungssuchende deutlich. Dieses Potential wird in den nächsten Jahren noch weiter zu entdecken und auch zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung zu nutzen sein. Dass die Entwicklung des Dorfes und seines Ortsbildes mit der umgebenden Landschaft in einem engen Zusammenhang steht, bedarf weiterer Vermittlung, wie sie im derzeit entstehenden Museum der Verbandsgemeinde Eich im Gimbsheimer Storchenschulhaus geleistet werden kann.


Gimbsheim – in den letzten 50 Jahren und heute

Im Jahre 1963 wurde die Ortseinfahrt aus Richtung Eich grundlegend verändert. Alte Häuser mussten weichen, eine verkehrssichere gerade Einfahrtsstrasse entstand, begrenzt von neuer Bebauung einerseits und zwei großen Parkplätzen andererseits. Die „Germania“, ein Denkmal zur Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 musste seinen angestammten Platz vor dem 1864 erbauten Rathaus in der Hauptstrasse verlassen und empfängt nun die Besucher an dieser Ortseinfahrt. Was 1963 neuzeitlich wirkte, führt heute zu Überlegungen, diesen Platz neu zu gestalten und umzuändern.

Das Jahr 1967 war geprägt von Veranstaltungen anlässlich der 1200-Jahrfeier mit einem historischen Festumzug als Abschluss und Höhepunkt. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde auch eine neue Schulturnhalle für den Schul- und Vereinssport eingeweiht.

Ergänzt wurde der Bau der Schulturnhalle im Jahre 1971 durch die Herstellung eines Rasenplatzes für alle Ballsportarten und leichtathletische Wettbewerbe, die in unserem Dorf betrieben werden.

Ein beheiztes Freibad mit 1400 qm Wasserfläche, großen Liegewiesen und einem Freizeitzentrum wurde im Jahre 1974 in Betrieb genommen und beendete vorerst die Fertigstellung eines Sportzentrums mit Halle, zwei Rasenplätzen und Freibad. Mit dem Bau der Niederrheinhalle 1997 fand das Gimbsheimer Sportzentrum seinen Höhepunkt und bietet nun einen Mittelpunkt für sportliche und kulturelle Veranstaltungen.

Zwischenzeitlich entstand das Wohngebiet „Ochsenwiese“ im östlichen Teil Gimbsheims mit annähernd 100 Wohnhäusern. In den 80er-Jahren wurde das Baugebiet „Weihergärten“ entwickelt, in dem viele Neubürger eine Heimat fanden.

Nicht unerwähnt bleiben soll auch die Natur, denn 1977 wurde der 160 ha große „Gimbsheimer Altrhein“ mit seiner einmaligen Flora und Fauna unter Naturschutz gestellt. Zusammen mit der Unterschutzstellung von Flächen in der Nachbargemeinde Eich hat das Schutzgebiet heute internationale Bedeutung.

Weitere Sehenswürdigkeiten und Aushängeschilder der Gemeinde sind die parkähnlichen Anlagen des Friedhofs, das restaurierte ehemalige Wiegehäuschen, ein neu errichtetes Wegekreuz an der Ortsausfahrt zur B 9 und die herrlich ausgemalte evangelische Kirche. Zu erwähnen ist auch der im Jahre 2000 entstandene Badesee „Pfarrwiesen“, wo in den Sommermonaten unzählige Besucher aus nah und fern ihrem Schwimm-Vergnügen nachgehen.

Die Grundversorgung kann weitgehend vor Ort sichergestellt werden. Ein Kindergarten, von der evangelischen Kirche mit Unterstützung der Ortsgemeinde betrieben, ist vorhanden und wird von ca.1oo Kindern genutzt und Gimbsheimer Kinder besuchen die gemeindeeigene „Jakob-Muth-Grundschule“. Im Jahre 1997 entstand das Baugebiet „Am Friedhof“, das inzwischen bebaut ist und z.Zt. laufen Planungen weiterer Baugebiete für Wohnhäuser und Gewerbebetriebe.

Durch ein reges Vereinsleben von über 30 Ortsvereinen steht Gimbsheim in kultureller Hinsicht ganz weit oben. Ausdruck hierfür sind die unzähligen Vereinsfeste im Laufe des Jahres. Besondere Höhepunkte sind alljährlich das Weinbrunnenfest am ersten Wochenende im Juli und die traditionelle Gimbsheimer Kerb am letzten Wochenende im September.
Ich empfehle allen einen Spaziergang durch unser Dorf, vorbei an alten Bauernhäusern, Weingütern mit Übernachtungsmöglichkeiten und verträumten Winkeln und Gässchen.

Unser Dorf hat den besonderen Reiz, genießen Sie die Gimbsheimer Lebensart.